Wie dein falsches Bild von mir

oder Die Leipzig Verschwörung

Wenig Haare, kaum Geld, kein Sex und eine Nachbarin, die ihn am liebsten zum Ersatzvater für ihren Terroristensohn machen würde. Der 40jährige Autor Lu- cas überlegt gerade im Supermarkt, ob er sich die Markenfischstäbchen leisten kann, als die Filmförderungsanstalt anruft und ihm 30.000 € für sein Drehbuch „Die Leipzig Verschwörung“ zusagt. Was sich wie ein Lottogewinn anfühlt, mar- kiert den Beginn einer Odyssee durch die Filmbranche, in der Lucas von einem Wahnsinnigen an den nächsten gerät – aber immerhin hat er mal wieder Sex.

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Ich war gerade auf dem Weg von meiner Wohnung in Berlin-Mitte zum nächsten Supermarkt – oder wie ich es den gebürti­gen Ostberliner Lesebühnenautor ‚Ahne’ mal hatte formulieren hören: „Ich flitzte eben übern Damm in die Kaufhalle“ – als das Handy in meiner Hosentasche vibrierte.
Es war später Nachmittag, ich machte meine vorletzte Schreibpause und dachte auf meinem Weg darüber nach, was ich mir für mein tristes Autoren-Single-Leben zu essen einkaufen könnte. Seit ein paar Monaten kochte ich wieder für mich allein. Meine letzte Freundin Nadine hatte es aufgegeben, mit mir eine Familie gründen zu wollen. Ich hatte keinen mehr hochgekriegt. Zuletzt hatten wir nur noch Sex, wenn ihre Eisprung-App Fruchtbarkeit signalisierte. Ich sei dem Druck nicht mehr gewachsen, sagte ich. „Du willst gar kein Kind“, erwiderte Nadine und entschied, sich nach einem willigeren Befruchter umzusehen. Bevor es für sie zu spät wäre. Denn ihre biologische Uhr tickte.
Bei mir vibrierte bloß das Handy in der Hose, als ich auf dem Weg in den Supermarkt zwischen Chili con Carne oder Erbseneintopf hin und her schwankte – beides musste nur einmal gekocht werden und machte für weniger als zehn Euro drei Tage satt. Ich musste sparen. Ich hatte seit fast drei Jahren kaum Einnahmen gehabt. Zuvor hatte ich drei Jahre für eine Telenovela Dialogbücher geschrieben und in den drei Jahren davor einen Sonntagabendkrimi und je ein Drehbuch für zwei Krimi-Serien eines großen Privatsenders. Ich hatte ganz ordentlich verdient, hatte in dieser Zeit 50.000 Euro zurückgelegt. Für später. Meine aktuelle Rentenprognose lag bei 432 Euro und viel mehr war nicht drin. Ich hatte mich deswegen beraten lassen: Riestern oder Rüruppen machte nur Sinn, wenn die Rentenprognose über 800 Euro lag. Dann stockte man die eigene Rente auf – darunter füllte man nur die Sozialkassen auf. Jetzt waren von den 50.000 noch 15.000 Euro übrig. Mein Rentenplan war hinfällig. Wenn es so weiterlief, wäre ich spätestens in einem Jahr pleite.
Dabei hatte ich in den letzten drei Jahren mehr gearbeitet, als in den Jahren zuvor: Ich hatte zwei Serienkonzepte geschrieben, zwei Kinospielfilmideen entwickelt, hatte mindestens zehn Anträge auf Förderung und Stipendien gestellt, hatte für eine andere tägliche TV-Serie unbezahlt ein Dialogbuch auf Probe geschrieben – nur um dann zu erfahren, dass sie gerade keinen Bedarf an neuen Autoren hätten. Ich hatte für kleines Geld oder gleich umsonst ein halbes Dutzend Exposés für TV-Movies geschrieben, die allesamt nicht realisiert wurden, und ebenfalls umsonst ein weiteres halbes Dutzend Krimi-Exposés, die ich an Produzenten von bereits bestehenden TV-Krimi-Formaten schickte. Einige sprangen auf meine Ideen an und baten mich, mal eine davon auf ihr jeweiliges Ermittlerteam umzuschreiben – selbstverständlich unentgeltlich –, nur um mir dann mitzuteilen, dass sie gerade keinen Bedarf an neuen Autoren hätten. All meine Mühen hatten mir in dieser Zeit keine 5.000 Euro eingebracht.
Wenn es nach Nadine gegangen wäre, hätte ich mir längst einen festen Job gesucht. Egal was. Auch das hatte meine Potenz nicht gerade beflügelt. Irgendwann wollte ich tatsächlich kein Kind mehr, zumindest nicht mit Nadine und schrieb – unmittelbar nachdem sie gegangen war – ein weiteres TV-Exposé über einen Mann in den besten Jahren, der keinen mehr hochkriegt, weil er daheim nur noch Befruchtungssex machen muss.
Meinen letzten bezahlten Auftrag hatte ich völlig überra­schend von Stefan erhalten, dem Produzenten, der damals mei­nen Sonntagabendkrimi produziert hatte. Da er als Tochterfirma des ausstrahlenden Senders die Garantie hatte, jeden zweiten Krimi aus der Reihe zu produzieren, lieferte ich ihm in der Folge noch zwei weitere Ideen für das Format, die er zu prüfen versprach. Ich erhielt nie ein Feedback darauf von ihm. In meinem Stolz verletzt gab ich es schließlich auf, deswegen bei ihm nachzufragen und setzte ihn auf die Liste der Vollarschlöcher.
Ich hatte seit fünf Jahren nichts mehr von ihm gehört, als er mich vor einem halben Jahr plötzlich anrief und fragte, ob ich Zeit hätte, eine Analyse zu einem anderen Sonntagabendkrimi-Drehbuch zu schreiben – und zwar sofort! Denn der Drehbeginn war bereits in drei Wochen. Falls meine Analyse überzeugte, sollte ich das Buch bis dahin überarbeiten, da der Regisseur und Autor in Personalunion wegen eines anderen Drehs verhindert war. Ohne zu zögern, nahm ich Stefan von der Liste der Vollarschlöcher und sagte zu. Stolz konnte ich mir gerade nicht leisten.
Stefan schickte mir umgehend per E-Mail das Drehbuch – falls man das so nennen konnte: Es bestand aus einem ordentlichen ersten Akt, einem unvollständig und zunehmend wirrer werdenden zweiten Akt und einem nicht vorhandenen dritten Akt. Damit wusste ich auch, warum Stefan ausgerechnet bei mir angefragt hatte: Er hatte vermutlich niemand anderen für diesen Harakiri-Job gefunden. Doch ich brauchte das Geld. Zwei Tage und zwei Nächte ging ich das vorhandene Material durch und versuchte, dem Ganzen eine Logik und Struktur zu verleihen, auf deren Basis es in drei Wochen möglich sein sollte, ein verfilmbares Drehbuch zu schreiben.
Zwei Tage später richtete Stefan mir aus, dass der Redakteurin meine Analyse imponiert hätte – aber leider sei es nun so, dass der Regisseur das Buch doch selbst zu Ende schreiben würde. Es tat Stefan furchtbar leid. Deshalb bot er mir an, der Redakteurin eine meiner eigenen Krimi-Ideen für eine nächste Folge anzubieten – ich stünde ja jetzt hoch bei ihr im Kurs. Er hielt mir einen Strohhalm hin. Ich griff danach, wollte die Gunst der Stunde nutzen und kramte ein altes Krimi-Exposé aus der Schublade: Der Fall eines in einer Babyklappe mit mehreren Messerstichen ermordet aufgefundenen Säuglings, wohinter sich ein düsterer Natascha Kampusch-artiger Kriminalfall verbarg.
Ich hatte die Geschichte ursprünglich im Auftrag einer anderen Filmproduktion für deren bestehende Samstagabend-Krimi-Reihe entwickelt. Der Regisseur der Serie und Mitinhaber der Firma hatte die Idee zunächst ganz großartig gefunden, gerade die düstere Härte des Falles! In unserem ersten und einzigen Meeting spielte er sich wie ein Zampano auf: Er kriege das prekäre Thema beim Sender durch. Denn er lasse sich vom Sender nichts diktieren, sondern er diktiere dem Sender, was gemacht wird. Und diese Story wird gemacht! So ließ er mich das Exposé für kleines Geld (das der Sender dafür zahlte) zu einem Treatment entwickeln. Nachdem ich die Fassung abgegeben hatte, hörte ich wochenlang nichts von ihm. Er drehte irgendwo in Afrika einen Dreiteiler.
Vom zuständigen Producer der Firma erfuhr ich in der Zwischenzeit, dass der Sender bereits gelesen und seine üblichen Anmerkungen hätte, einer Weiterentwicklung stünde nichts im Weg. Alles liefe bestens. Zwei Wochen später rief mich der Producer erneut an: Sein Chef hätte sich endlich gemeldet – leider keine gute Nachricht: Mein Stoff werde nicht gemacht.
Ich stand gerade an der Tiefkühltruhe im Supermarkt, eine Packung ‚iglo’-Fischstäbchen in der Hand. „Warum?“, fragte ich.
„Es hat ihm nicht gefallen“, meinte der Producer.
„Was hat ihm nicht gefallen?“
„Hat er nicht gesagt.“
„Er muss doch irgendeinen Grund genannt haben.“
„Macht er nie. Entweder es gefällt ihm. Oder nicht.“
„Aber er war doch total begeistert von der Idee. Und ich habe alles so weiterentwickelt, wie besprochen. Und der Sender ist auch zufrieden.“
„Ich weiß“, seufzte der Producer. „Ich versteh’s selbst nicht.“
„Dann soll er mir wenigstens einen Scheiß-Grund nennen!“
„Wirst du nicht kriegen. Ich kenn ihn.“
„Das ist Willkür.“
Der Producer schwieg.
„Das heißt, das war’s jetzt, oder wie?“
„Tut mir leid, Lucas.“ Damit war das Telefonat beendet. Wütend pfefferte ich die ‚iglo’-Fischstäbchen zurück in die Tiefkühltruhe – und griff mir stattdessen eine Packung von ‚gut und günstig’.
Inzwischen lagen die Rechte an der Babyklappenmord-Idee wieder bei mir und bislang hatte noch keiner eine ähnliche Idee produziert, wie eine kurze Internetrecherche ergab. Also schrieb ich den Fall auf das Ermittlerteam um, das die Redakteurin betreute, bei der ich, laut Stefan, dank meiner herausragenden Analyse, angeblich so hoch im Kurs stand und schickte es Stefan eine Woche später. Seitdem habe ich trotz mehrmaliger Nachfrage nichts mehr von ihm gehört. Er stand bei mir bereits wieder auf der Liste der Vollarschlöcher. Bis zu seinem nächsten Anruf.
Gestern, ein halbes Jahr später, lief der von mir analysierte und von Stefan produzierte Krimi im Fernsehen. Wie ich beim Anschauen feststellte, hatte der Regisseur einige der Ideen aus meiner Analyse übernommen und den Rest irgendwie zusammengeschustert. Über die Logiklöcher spielte ein Stab bekannter Schauspieler routiniert hinweg. „Ick fand dit eigentlich janz jut“, meinte Günther, mein (Ex-)Tabakhändler, heute Vormittag zu dem Krimi, den er sich auf meinen Hinweis hin ebenfalls angeschaut hatte.
Obwohl ich schon seit Jahren nicht mehr rauchte, besuchte ich Günther ab und zu in seinem Tabakladen. Ich kannte ihn inzwischen seit fünfzehn Jahren, seit ich nach Berlin gekommen war, als ich noch ein rauchender Jungautor gewesen war – ohne Geld, aber mit vollem Haar und voller Träume. Günther hatte damals schon ergrautes Haar gehabt und seinem Traum vom eigenen Kiosk gleich nach der Wende in Berlins Mitte verwirklicht. Er selbst wohnte immer noch irgendwo im Osten, in der Platte. Er hatte Kinder in meinem Alter und ein Pferdegebiss mit vergilbten Zähnen, obwohl er das Rauchen ebenfalls längst aufgegeben hatte. Er hatte alle Höhen und Tiefen meines bisherigen Werdegangs als Autor mitbekommen – zumindest das, was ich ihm davon erzählt hatte. Da er von meinem kleinen Beitrag zum gestrigen Sonntagabendkrimi wusste, wollte er mich vermutlich aufmuntern.
Stattdessen nahm ich ihn als Zeugen des gestrigen Fernsehabends ins Kreuzverhör: „Aber hast du kapiert, warum der Vater seine Tochter so sehr hasst?“
„Sie war halt ‘n janz schöner Besen.“ Dann fügte er mit leuchtenden Augen hinzu: „Aber hier, Otto Sander war doch janz groß! Wie der dit jespielt hat! Diese Verbitterung! Super, oder?“
„Ja, aber, warum? Was hat seine Tochter ihm konkret angetan?“
Günther zuckte mit den Schultern: „Wird schon wat vorjefallen sein.“
„Und warum hat er sie dann trotzdem zu seiner Nachfolgerin in der Werft bestimmt?“
„Er hatte halt niemand anders.“
„Und findest du’s glaubwürdig, dass er nichts von der Diabetes seiner Tochter wusste?“
„Sie hat’s ja vor ihm verheimlicht.“
„Komischerweise wusste aber jeder Mitarbeiter in seiner Werft davon.“
„Ja, dit war nich janz logisch“, räumte Günther stirnrunzelnd ein.
Ich nickte zufrieden: Keine weiteren Fragen, euer Ehren.
Doch einmal ins Grübeln gekommen wunderte Günther sich weiter: „Und wat dit mit dem behinderten Kind von ihr sollte und warum der Sander dit nun och nich leiden konnte ...?“
„... wird nicht erklärt und macht so überhaupt keinen Sinn“, vollendete ich seinen Gedanken: „Hab ich damals alles in meiner Analyse angemerkt.“
„Aber kofen kannste dir dafür och nix, Großer.“ ‚Großer’, so nannte Günther mich seit 15 Jahren, als ich noch ein rauchender Jungautor war, ohne Geld, aber mit vollem Haar und voller Träume. Inzwischen hatte ich kaum noch Geld, kaum noch Haare und kaum noch Träume.





Radio Eins, Die Literaturagenten, Sendung vom 17.02.2019

"Was Mennens drehbuchschreibenden Protagonisten Lucas in der deutschen Filmlandschaft widerfährt ist ein echtes Drama."